Bürgermessungen zeigen: Flächendeckende NO2-Grenzwertüberschreitungen in Deutschland

Im Rahmen ihrer zweiten bundesweiten Citizen Science Messaktion „Decke auf, wo Atmen krank macht“ stellt die Deutsche Umwelthilfe (DUH) in 116 Städte und Gemeinden Überschreitungen des Grenzwertes für das Dieselabgasgift Stickstoffdioxid fest. Das Bündnis für saubere Luft beteiligte sich in München an der Aktion. Fünf der 20 Messstationen zeigten dabei Überschreitungen auf. Kinder sind besonders gefährdet.

Die DUH hat an 461 Messstellen in 233 Städten und Kommunen zum zweiten Mal die Belastung der Atemluft mit dem Dieselabgasgift Stickstoffdioxid (NO2) gemessen. Mittels Passivsammlern wurde vom 1. Juni 2018 bis zum 1. Juli 2018 mit Unterstützung zahlreicher Bürger*innen die durchschnittliche Konzentration von NO2 in der Umgebungsluft ermittelt. Der Grenzwert für NO2 liegt bei 40 Mikrogramm pro Kubikmeter (µg/m3) im Jahresmittel. Laut einer Pressemitteilung der DUH wurden an 53 verkehrsnahen Messstellen Werte von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft (µg/m3)oder mehr gemessen. Acht dieser Städte und Gemeinden gelten offiziell als unbelastet – da dort keine amtlichen verkehrsnahen offiziellen Messstationen existieren. Diese Städte und Gemeinden sind somit vom „Sofortprogramm Saubere Luft“ der Bundesregierung ausgeschlossen.

Dazu Sylvia Hladky, Sprecherin des Bündnisses für saubere Luft in München: „Die Messungen zeigen, dass wir in Deutschland ein flächendeckendes Problem mit Stickstoffdioxid in unserer Atemluft haben. Genau wie in München, liegen die Überschreitungen eben nicht nur an den offiziellen Messstationen vor. Es müssen daher schnellstmöglich Maßnahmen für saubere Luft an allen belasteten Orten ergriffen werden. Die Bundesregierung steht in der Pflicht, diesen Gemeinden zu helfen. Zudem endlich die Blaue Plakette als geeignetes Mittel für eine nachhaltige Minderung der Schadstoffe verabschieden.“

Nicht nur alte und gesundheitlich vorbelastete Menschen, sondern auch Kinder sind durch die giftigen Abgase besonders gefährdet. Daher lag ein Schwerpunkt der aktuellen Messungen auf sensible Standorte wie Kindertagesstätten und Schulen. Hier wurden zum Teil erschreckend hohe Werte ermittelt: So ergaben Messungen auf einem Meter Höhe an einer Vorschule in der Berliner Torstraße eine Konzentration von 57,4 µg/m3, an einer Kindertagesstätte am Berliner Mehringdamm sogar von 60,9 µg/m3. In der Pragstraße in Stuttgart, unmittelbar am Tierpark, wurde ein Wert von 67,8 µg/m3 ermittelt.

Thomas Lob-Corzilius, Lungenfacharzt für Kinder und Jugendliche erklärt: „Die Atemfrequenz der Kinder ist bereits in Ruhe mehr als doppelt so hoch wie die von Erwachsenen. Dazu kommt, dass Kinder sehr aktiv sind und viel laufen. Sie weisen im Alltag eine höhere Atemarbeit auf. Eine Schadstoffbelastung in der Luft, zum Beispiel durch Stickstoffdioxid, wirkt dementsprechend bei Kindern intensiver als bei Erwachsenen. Gleichzeitig sind Kindernasen viel näher an einem Autoauspuff und damit an der Emissionsquelle. Der Verdacht liegt nahe, dass dort höhere Schadstoffbelastungen existieren. Generell können die Auswirkungen, die entstehen, wenn Kinder eine mit Stickstoffdioxid angereicherte Luft regelmäßig einatmen, auch dauerhaft sein. Eine aktuelle Meta-Analyse belegt: Das Asthmarisiko für Kinder steigt um 48 Prozent, schon bei Werten über 30 µg/m3, wobei der europäische Grenzwert bei 40 µg/m3 liegt.“

Beppo Brem, ebenfalls Sprecher des Bündnisses für saubere Luft sagt dazu: „Es ist skandalös, dass die Verantwortlichen bei Bund, Ländern und Kommunen sich gegenseitig den Schwarzen Peter zuschieben und so seit Jahren die Überschreitungen der Grenzwerte und damit die Gefährdung der Gesundheit der Bürgerinnen wissentlich und billigend in Kauf nehmen. Durch die Belastung unserer Kinder schaffen wir uns eine Hypothek an erkrankten Generationen. Kein Wunder, dass die bayerische Justiz derzeit im Sinne der Gesundheit der Bürger*innen und der Durchsetzung demokratischer Grundsätze Erzwingungshaft gegen Amtsträger wie Umweltminister Marcel Huber oder Ministerpräsident Markus Söder (beide CSU) prüft.“

Die Ergebnisse der Studie sowie weiterer Messreihen können auf einer interaktiven Karte eingesehen werden.

Du willst Dich zukünftig auch für Luftreinhaltung einsetzen und bei Aktionen engagieren? Dann bist Du sehr herzlich am Mittwoch, 12. September 2018, zum Stammtisch Mobilität und Verkehrswende des Bündnispartners Green City e.V. eingeladen.